Visitenkarten

Haben Sie auch schon mal alte Visitenkarten gefunden?

Mal durchgeguckt? Adressbücher und Visitenkarten-Alben?
Toll, was die erzählen!

Ein Album mit Visitenkarten = Eine Reise in die Vergangenheit

Da liegt es, ein neues Visitenkarten-Album, Leder, bestens eingebunden, luxuriös, sogar mit meinen Initialen, ein tolles Geschenk.

Und, erst jetzt spüre ich es: Eine echte Herausforderung!
Denn ich muss darüber entscheiden, ob ich mein altes zerkratztes Kunststoff-Album ersetze.

Das sieht zwar nicht mehr so toll aus, aber wenn ich daran denke, wie viele Hotelzimmer es gesehen hat, wie viele tausend Kilometer es mit mir um die Welt geflogen ist, dann ist es ein Erinnerungsstück, wenn es auch heute kein besonders ästhetisches mehr ist.

Die Namen durchzublättern, das ist wie eine seltsame, manchmal schmerzhafte Reise in die Vergangenheit.

Ach, ja! Guck mal, der Marcel. Ein Gefälligkeits-Horoskop machte ich ihm damals. Das Gespräch endete mit den Worten, Du musst nach Amerika, am Wasser leben. Damals lebte er in München, eine Wohnung mit einem 2-Platten-Kocher und einer Luftmatratze; man hatte ihn um Provisionen betrogen. Steuerfahndung, sie liessen ihm keine Mark. Es verschlug ihn nach Miami; dort gewann er die Greencard, und es ging aufwärts mit ihm.
Seit Jahren aber gab es nur selten Lebenseichen, und wenn, dann versuchte er mir seine Aktiengeschäfte nahe zu bringen. Wir haben früher unsere Verkaufsgespräche miteinander trainiert. Die Adresse habe ich mir mit dem Vorhaben notiert, „wenn ich mal drüben bin, rufe ich durch oder mache einen raschen Inlandflug“. Aber als ich dann da war, fand ich die Zeit nicht. Es kann aber auch sein, dass sich seine Wohnadresse innerhalb Miami wieder mal zu seinen Gunsten oder zu seinen Ungunsten verändert hatte. Dann diese Fotos, die gelegentlich ankamen, er mal im T-Shirt, mal im Dinner-Jackett, mal im Scheidungsdrama, mal im Hochzeits-Party-Rausch; ein dröhnendes Leben mal üppig, mal entbehrungsreich..

Dann folgen Namen, die man in meinem Beruf eben brauchte, um durch den beruflichen Alltag zu kommen, die „Connections“, ein paar Herren aus der Politik, Broker, Banker, ein Kaleidoskop zweifelhafter Gesellschaftsgrößen, von Geldaristokraten und Geldakrobaten, Könnern und Betrügern mit schillernden Namen. Sterne, die auf und untergegangen sind.

Dann kommt der erste Name eines Menschen, der verstorben ist. Innehalten. Unser letztes Gespräch verlief mit unverbindlicher Heiterkeit, er wollte anrufen, keine Schuldgefühle, wenigstens das nicht.

Aber, je mehr ich im Album vorankomme, desto öfter gibt es dieses Gefühl des Sich-nie-mehr melden-Könnens, ein Gefühl, das einen schaudern lässt.

Ich notiere mir alle Adressen und halte auch die Visitenkarten jener fest, die irgendwann einmal wichtig sein könnten, nun sehe ich die Brüchigkeit vieler Beziehungen. Astrologische Transite für eine Wegstrecke des Lebens…

Da taucht die Karte eines verschollen geglaubten engen Mitarbeiters auf, der in London lebt. Spontaner Anruf. Er war total perplex. Ob er mir helfen könne? Nein, ich wollte nur mal nach ihm hören, nach den Jahren der Funkstille.

Wir haben uns zum großen Wiedersehen verabredet. Er war glücklich.

Jetzt weiß ich, was das Schönste an diesem neuen Album ist: dass wenigstens eine Verbindung aus alten Tagen wieder mit Leben erfüllt wird.

Übrigens fällt mir gerade mein altes Adress-Buch ins Auge. Ein Buch mit Hunderten von Nummern, man muss nur wählen.

Telefonieren ist einfach.

Warum machen wir es uns ausgerechnet damit manchmal so schwer?

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